Nachdem ich euch von meiner Begegnung am Mt Taranaki erzählt habe, kam mir eine Frage in den Sinn, die mir oft gestellt wird: „Was brauche ich eigentlich alles, wenn ich weit wandern will?“

Geht man in diverse Outdoor-Läden oder folgt man auch so manch anderem Wander- und/oder Outdoorpodcast oder Social Media-Account, könnte man meinen, man muss erst einmal ganz viel Zeit und Energie in Ausrüstungsrecherche und dann ein kleines Vermögen in Zelt, Rucksack, Schuhe, Kleidung und eben in all die Dinge, die man so bräuchte, stecken. 

Als ich mich damals aufgemacht habe, um den Pacific Crest Trail zu laufen (bzw. um ein paar Wochen auf dem PCT unterwegs zu sein, die dann doch zu mehreren Monaten wurden und mich bis an die mexikanische Grenze brachten), hatte ich meine übliche Ausrüstung dabei, die ich schon seit Jahren und auf mehreren Touren im Himalaja, in Kirgistan, in der Mongolei und – tja, auf dem Rennsteig dabei hatte. Meine Vorbereitung auf den PCT hat sich sehr in Grenzen gehalten: Schon der Begriff ‘Gear List’ hat mich dermaßen abgeschreckt, dass ich irgendwann schlichtweg aufgehört habe, Blogs über den Pacific Crest Trail zu lesen und Videos auf YouTube zu schauen. Ich hab doch Erfahrung, auch in sehr entlegenen Gebieten und auf großer Höhe in den Bergen, und eine Ausrüstung habe ich auch. Was soll schon passieren? Und so bin ich losgelaufen: dicke Lederwanderstiefel, Wanderhose der Polarfuchs-Firma, mit einem Rucksack, der selbst leer noch 3,5 kg wog, einem großen Badehandtuch (!), Deo, Shampoo und Spülung im Gepäck und achja, stimmt, ich hatte 3 Set Wechselkleidung dabei. Immerhin hatte ich mich vor einigen Jahren schon für das MSR Hubba Hubba 1-Personenzelt entschieden, hatte die Thermorest x-lite dabei und einen relativ leichten Schlafsack von Mountain Equipment. Eigentlich alles wie immer, wenn ich auf Tour war. Mein Rucksack war so voll, dass ich das Zelt außen befestigen musste und mitsamt des Eispickels, der Wechselschuhe, Wasser und Nahrung für 3-4 Tage kam mein Rucksack auf etwa stolze 30 kg. Und diese 30 kg auf dem Rücken habe ich vom tiefsten Punkt des PCT an der Bridge of the Gods wieder hinauf auf den Bergrücken (“Crest”) geschleppt. Ich erinnere mich an blaue Flecke an den Hüften und an meine Erschöpfung der ersten Tage. Aber ich hatte riesigen Spaß!

… denn die Wahrheit ist: Der Weg merkt nicht, ob deine Ausrüstung fürs weite Wandern optimiert ist, ob du Trailrunner trägst oder klassische Wanderschuhe. 

Ja wie nun? Braucht’s auf weiten Wegen nun eine bestimmte Ausrüstung oder nicht?

Ich persönliche behaupte, dass Ausrüstung kein Ersatz für Erfahrung ist. Die Outdoor-Industrie verkauft uns mit Produkten oft das Gefühl von Sicherheit, das eigentlich aus uns selbst kommen sollte. Man braucht nicht für jedes Szenario ein spezielles Ausrüstungsitem. Ich zum Beispiel habe noch nicht mal viele unterschiedliche Schlafsäcke: ich habe meinen guten alten, mit dem ich den PCT begonnen habe und ansonsten ist mein Quilt von Enlightened Equipment meine Wahl. Eigentlich ist dieser bis in den einstelligen Minusbereich hinein komfortabel, benutze ich ihn dann aber in warmen Nächten als Decke, die ich entsprechend arrangieren kann. 

Grundsätzlich argumentiere ich gern, dass man einfach die Ausrüstung auch auf längere Touren mitnimmt, die man eben schon mal hat und mit der man sich wohlfühlt. Darüber hinaus kann und vielleicht will sich auch nicht jede:r eine Ultraleichtausrüstung kaufen, denn dafür gehen locker einige große Scheine über die Ladentheke. 

… und dann die sogenannte „Angst-Ausrüstung“. Genau wie ich zu Beginn meines Pacific Crest Trails, packen viele Wandernde einfach viel zu viel ein. Ich hatte zu viele Dinge dabei, denn, wer weiß, vielleicht brauche ich das auf dem Trail? Was ist, wenn XY? Was, wenn AB eintritt? Man muss nicht für alle Eventualitäten packen, denn diese treten nur mit kleiner Wahrscheinlichkeit ein und wenn, kann man sehr oft improvisieren oder man ist einfach ein wenig ‘unkomfortabel’ für eine kurze Zeit. 

Aber was ist denn nun wichtig?

Füße bzw. Schuhe: das, was für viele funktioniert, muss nicht für dich funktionieren. Für meinen Trail-Buddy auf dem PCT haben am allerbesten 20 USD-Wanderschuhe aus dem Walmart funktioniert. Ich selbst schwöre auf Brooks Caldera und bin weniger zufrieden mit Altra Lone Peaks. Aber auch die Topo Mountain Racer sind toll, da sie eine gute Dämpfung haben. Hokas, zum Beispiel, funktionieren für mich gar nicht, da sie bei mir einfach nicht langlebig sind und dafür viel zu teuer. Das alles habe ich aber auch nur herausgefunden, weil ich viel herumprobiert habe und auch viele Blasen hatte. Wenn für dich klassische Wanderschuhe am besten funktionieren, dann nutze diese. 

Schlaf- und Tragesystem: Wichtig ist ein System, das dich trocken und warm hält, das heißt Zelt, Schlafsack und Schlafmatte. Und das kommt alles in einen Rucksack, der passend für deine Ausrüstung ist. Diese Komponenten müssen verlässlich sein und nicht zwingend aus Weltraum-Material bestehen. Ich bin seit vielen Jahren mit einem Hyperlite South-West unterwegs, der 55-60 Liter fasst und für mich ein toller Kompromiss zwischen UL und framed packs ist. Zelte haben sich in der Zwischenzeit einige angesammelt und ich nutze, je nachdem wo ich unterwegs bin und wie lange, unterschiedliche Zelte. Mein ultimatives to-go-to Zelt ist das MSR Hubba Hubba Ein-Personen-Zelt. Ein tolles freistehendes, doppelwandiges Zelt, das auch Stürme gut aushält. Mit knapp unter einem Kilo (ohne Packsack) für mich voll vertretbar. Wenns kürzere Touren sind oder Touren in warmen und trockenen Gebieten, dann nehme ich mein Zpacks Duplex mit. Es wird mit zwei Trekkingstöcken aufgebaut, ist einwandig und damit sehr leicht. Für z.B. Neuseelands Wetter und Kondensationsszenarien finde ich es völlig ungeeignet, aber zum Beispiel auf dem PCT oder dem Arizona Trail war es toll. Auch wenn das Duplex ein Zwei-Personen-Zelt ist, finde ich es sehr eng zu zweit. Wenn ich mit meinem Partner unterwegs bin, greifen wir auf das Drei-Personen-Zelt Big Agnes ‘Tiger Wall’ zurück. Viel Platz, man kann aufrecht darin sitzen, fast freistehend, doppelwandig, relativ leicht, sturmfest. Meinen Schlafquilt habe ich weiter oben schon beschrieben. Als Schlafmatte kommt mir momentan die Nemo Tensor mit einem R-Wert von 2.8 ins Zelt. Ich bin halbwegs zufrieden mit der Matte. Seitdem ich mit Ohrstöpsel schlafe, stört mich das für leichte Matten typische Knistergeräusch auch nicht mehr. Mir ist die Matte im oberen Bereich jedoch beinah ein bisschen schmal. Ich schlafe gern auf dem Rücken und dabei liegen meine Ellenbogen nicht mehr auf der Matte auf, sondern auf dem kalten Zeltboden. Nervig. Schaumstoffmatten kommen für mich für länger als eine Nacht nicht mehr in Frage, ich mags einfach bequem. 

Zuletzt die mit Abstand wichtigsten Ausrüstungsgegenstände fürs weite Wandern: derKopf & das Mindset. Der Kopf steht für das Wissen (über das Wetter, Orientierung und die eigenen Grenzen) und die Erfahrungen. Das Mindset ist wichtig, um einen langen Trail überhaupt durchhalten zu können. Ein ausdauernder Körper und die größte Fitness sind nicht ausschlaggebend für Erfolg oder Misserfolg auf einem Weitwanderweg. Während die Outdoor-Industrie uns Fitness und Equipment verkauft, verschweigt sie, dass man zumindest lange Trails mit dem Mindset gewinnt. 

Was genau ist aber dieses Mindset? Das ist die Einstellung zum Trail, die psychologische Vorbereitung, der Blick, den man auf die Wochen oder gar Monate auf dem Weg hat. Dazu gehört ganz bestimmt Resilienz, Frustrationstoleranz, Durchhaltevermögen und immer eine Antwort auf die Frage, die unweigerlich auf jedem langen Weg aufkommt: Warum mache ich das hier eigentlich? 

Tja, wie bleibt man denn nun motiviert, wenn man mehrere Tage am Stück durch Regen läuft, die Füße dauernass sind, die nächste Flußquerung Angst macht, die TrailFamily nervt und der nächste lange Roadwalk ansteht? Mein Hiking-Buddy vom PCT betonte immer, dass das weite Wandern jetzt halt sein Job sei und diesen hinterfrage er nicht, sondern er stehe jeden Morgen zur gleichen Zeit auf, wandert seine Stunden, isst, schläft und alles wieder von vorn. Manch andere stellen sich unterwegs, an schlechten Tagen, vor, wie es ist, am Ziel anzukommen. Ich halte mir immer vor Augen, was genau jetzt die Alternative zum weiten Wandern wäre und meist ist die Antwort, im Office oder in Meetings zu sitzen, Seminare abzuhalten und nebenher tausend andere Dinge im Kopf behalten zu müssen. Da lassen einen die nassen Füße nur müde lächeln. Aber trotzdem ist es nicht immer leicht, die Motivation aufrecht zu halten. Mir ging es zum Beispiel am Arthur’s Pass auf Neuseelands Südinsel auf dem Te Araroa so: tagelanger Regen, kalt, grau. Warum mache ich das nur? Anstatt hinzuwerfen und den Trail Trail sein zu lassen (Never quit on a bad day!), bin ich für ein paar Tage runter vom Trail. Ich als totale Zugenthusiastin habe mir eine Fahrt mit dem legendären Tranzalpin nach Greymouth gegönnt. Dort habe ich mich in ein Hostel eingebucht, bin abends ins Kino gegangen, habe gutes Essen gegessen und bin tagsüber mit einem geliehenen Mountainbike durch die Gegend gefahren. Dieser Tapetenwechsel hat mir wieder viel Lust auf den TA und aufs Weiterwandern gemacht. 

Nicht zuletzt wird der- oder diejenige am erfolgreichsten sein, die am besten mit Unbehagen insgesamt umgehen kann.

Insbesondere auf dem Continental Divide Trail gibt es den Spruch „‘Embrace the Suck’, der genau dies zum Ausdruck bringt. Ist der Regen eine Katastrophe oder Teil der Erfahrung? Hindern einen die Blasen an den Fersen am Beenden des Trails oder sind sie ein Zeichen für zu kleine Schuhe? Sie die langen Abschnitte entlang von Forststraßen eine Zumutung, die man nicht willens ist einzugehen oder sind sie Teil der Erfahrung beim Weitwandern?

Was das Mindset eigentlich mit dem Wiederankommen im alten Alltag zu tun hat, das ist ein ausführliches Thema für ein anderes Mal :-). 

Kurzum: Natürlich braucht es eine gute Ausrüstung, eine, die dich sicher schützt und warm hält. Dass die ‘Big Three’ auf langen Touren besser nicht vom Discounter kommen, erübrigt sich. Die Klamotten, die du beim Wandern trägst, hingegen durchaus schon. Aber es braucht keine Ul-Ausrüstung, um eine gute Zeit auf einem Trail zu haben und ich persönliche denke, wer sich nur auf Planung und Gramm zählen versteift, verpasst vieles auf dem Trail. Planung soll uns Sicherheit geben, aber auch das ist ja doch irgendwie angstgetrieben. Haben wir Angst davor, improvisieren zu müssen und davor, mal wieder spontan zu sein? 

Auch richtig – wer relativ fit auf einen Trail startet, wird wahrscheinlich von Beginn an mehr Spaß haben. Aber die Fitness kommt auch durchs Gehen. Wichtiger ist, dass der Kopf mitmacht. 

Deshalb meine Tipps diesbezüglich am Ende:

  • Wissen aneignen für Umgang mit bestimmten Situationen wie Unwetter, Flußquerungen, Unfällen. Einen Überblick über seinen Gesamthike haben, aber nichts im Detail planen. Genug Wissen haben, um umplanen und spontan sein zu können. 
  • Strategien, wie man motiviert bleibt: Never quit on a bad day!, Ziel vor Augen haben und wissen, warum man das tut. Wissen, dass alles, was gerade nicht gut läuft oder was nervt, vorüber gehen wird. 
  • Strategien gegen Angst: Statistiken lesen, Wissen aneignen (YouTube-Videos können ein guter Start sein, Erfahrungen damit sammeln in sicheren Kontexten, … Kurse belegen)
  • Strategien bei schlechter Laune/Einsamkeit/Trauer/Enttäuschung/… : Etwas dabei haben, was einen aufmuntert: Lieblingsmusik, vorher Serie herunterladen, Buch lesen, Tagebuch schreiben. Kaffee trinken. Wenn nichts mehr hilft: ein paar Tage Abstand vom Trail, aber nicht nach Hause fahren, wenn es nicht unbedingt notwendig ist 😉 Dann ist es schwer, auf den Trail zurückzukehren (die besondere Herausforderung des weiten Wanderns in einem Land, in dem man vielleicht sogar lebt).
  • Strategien bei Konflikten mit der Trail Family: sich vor Augen halten, dass man den Weg allein begonnen hat und auch allein beenden kann. Hike your own hike!
  • Sorge vor Post-Trail-Depression: schon vor dem Ende des Weges den nächsten planen 🙂 

Habt ihr noch weitere Tipps?


Author

Exploring the world and myself by two feet.

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