Ich meine, es war Anfang des Jahres, als ich auf dem Social Media-Account der US-Wandercommunity “The Trek” eine Slide gesehen habe, auf der man die Do’s and Dont’s für das neue Jahr vorgestellt hat. Besonders hängengeblieben ist, dass es out ist, als einzelner oder als Gruppe anderen vorzuschreiben, was es eigentlich bedeutet, zu thru-hiken oder welche Kriterien erfüllt sein müssen, um zur Gruppe der thru-hiker zu gehören. Richtig so! Denn mit Gatekeeping wird versucht, sich als Teil einer exklusiven Gemeinschaft zu definieren, deren Zugehörigkeit man sich erst “verdienen” muss, indem man etwa “mindestens 30 km pro Tag geht”, das „“Baseweight des Rucksacks nicht höher als 6 kg sein sollte” oder man wirklich jeden Meter gehen sollte, um einen ‘continuous footpath’ zu haben. Warum ist das alles problematisch?
- Druck, unrealistisch hohe Leistungen bringen zu müssen
- ein verzerrtes Bild davon, was Weitwandern überhaupt ist
- eine elitäre Kultur statt einer inklusiven Community
- das Gefühl, man müsse sich „beweisen“, statt einfach zu wandern
… und damit widerspricht dies komplett der Grundidee des Weitwanderns:
Hike your Own Hike!
In diesem Zusammenhang möchte ich mir Begriffe ansehen, die in der Welt des Wanderns oft synonym verwendet werden, aber wenn man genauer hinsieht, doch völlig unterschiedlich sind. Oder? Ob du nun ein paar Tage über ein verlängertes Wochenende unterwegs bist und zeltest, ob du von Pension zu Pension mit leichtem Rucksack läufst, du auf dem Camino pilgerst oder fünf Monate den Pacific Crest Trail thru-hikst und quasi draußen lebst – die Bewegung bleibt gleich. Aber wenn man genauer hinschaut, unterscheiden sich die mentalen und logistischen Anforderungen fundamental.
Dabei ist weder das eine Konzept besser als das andere – es ist schlicht ein anderes Konzept mit anderen Anforderungen.
Aber alles der Reihe nach:
Die Klassiker der Distanz
- Mehrtageswandern: Der Einstieg. Du bist 2 bis 4 Tage, oder bis zu einer Woche unterwegs. Die Logistik ist einfach, die Erholung steht im Vordergrund und eventuell muss man noch nicht mal Proviant nachkaufen. Wege bis zu 120 km.
- Weitwandern: Hier wird es ernst. Manche sagen, hier ist man mindestens eine Woche am Stück unterwegs. Der Körper stellt sich um, der Geist kommt zur Ruhe. In der Literatur findet man in dieser Kategorie viele bekannte Wege wie etwa West Highland Way, Lechweg, Malerweg, Rennsteig. Ich persönliche finde, das passiert aber erst nach 2-3 Wochen und bei Wegen ab 250 km. Bekannte Beispiele: Tahoe Rim Trail, Moselsteig, Kungsleden, East Coast Trail. Meine Meinung weicht hier deutlich von dem ab, was im Allgemeinen bereits unter Weitwandern verstanden wird. Vielleicht mache ich mich damit unbeliebt, aber ich berichte von meinen Erfahrungen und gehe gleich noch mal etwas genauer darauf ein.
- Fernwandern: Oft synonym zum Weitwandern, bezieht sich aber meist auf explizit ausgewiesene Fernwanderwege (z. B. die Europäischen Fernwanderwege in Europa), die ganze Länder oder Kontinente durchqueren. Bekannte Beispiele: Nord-Süd-Trail, Sentiero Italia, Via Transilvanica
Die “Königsdisziplinen” & Rekorde
- Thru-Hiking: Ein US-geprägter Begriff. Es bedeutet, einen kompletten Fernwanderweg (wie den Te Araroa oder PCT) in einer einzigen, kontinuierlichen Reise von Ende zu Ende zu laufen. Es ist ein Full-Time-Job auf Zeit. Einerseits ist jede Wanderung, die man auf einem festgelegten Weg von Anfang bis Ende geht, ein Thru-Hike, jedoch hat sich dieser Begriff für die bekannten episch-langen Wege geprägt.
- FKT (Fastest Known Time): Die sportliche Spitze. Hier geht es nicht um Genuss, sondern um Geschwindigkeit. Wer hält den Rekord für eine bestimmte Strecke? Minimalistisches Equipment, maximales Tempo. Hier gibt es unterschiedliche Kategorien: mit Unterstützung (supported) = es gibt ein Team, welches die Wandernde oder den Wandernden mit Verpflegung, Zeltaufbau/Van unterstützt; durch selbstorganisierte Unterstützung (self-supported) = die häufigste Form der FKTs, bei der der Wandernde sich selbst hilft ohne jegliche Unterstützung von außen zu bekommen, jedoch Proviant nachkauft; ohne Unterstützung (unsupported), wenn der oder die Wandernde mit allem, was er oder sie benötigt, von Beginn an dabei hat. Man darf keine Depots anlegen, keine Geschäfte nutzen und keine Hilfe von Passanten annehmen. Nur öffentliches Wasser (Hähne/Bäche) ist erlaubt.
Die Art des Unterwegsseins
- Pilgern: Das Gehen mit spirituellem oder introspektivem Hintergrund. Das Ziel ist oft ein heiliger Ort (z. B. Santiago de Compostela), aber der Weg dient der inneren Einkehr. Oft spricht man vom Camino Frances wenn es um “Caminos” geht, dabei ist ganz Europa von einem Netzwerk von Caminos überzogen. Ich denke, nur wer einen solchen Weg mit introspektivem Hintergrund geht, pilgert.
- Von Unterkunft zu Unterkunft: Der “Komfort-Modus”. Du schläfst im festen Bett (Hütte, Pension, Hotel). Das spart Gewicht im Rucksack, erfordert aber oft Vorab-Buchungen.
- Organisiert & geplant von extern: Das “Rundum-Sorglos-Paket”. Ein Reiseveranstalter plant die Route, bucht die Betten und bietet oft einen Gepäcktransfer an. Du läufst nur mit dem Tagesgepäck.
Freiheit vs. Struktur
- Auf etablierten Trails: Du folgst Markierungen und der Infrastruktur (Hütten, Resupply-Punkte). Sicherer und sozialer, da man oft Gleichgesinnte trifft. Eigentlich alle bekannten und damit etablierten Trails wie etwa der Pacific Crest Trail, der TA, Eifelsteig, …
- Eigene Routen (Cross-Country): Die totale Freiheit. Du planst deine Wege selbst, oft abseits markierter Pfade mit Karte und Kompass (oder GPS). Erfordert hohe Navigationskompetenz. Ich habe in der US-amerikanischen Sierra Nevada einmal einen älteren Mann getroffen. Er sah eigentlich wie ein typischer europäischer Wanderer aus: robuster vollgepackter Rucksack, dicke Lederwanderstiefel. Er passte so gar nicht in die Welt der Thru-Hiker in den USA, mit ihren leichten Trailrunnern und UL-Rucksäcken. Es stellte sich dann jedoch heraus, dass er auf einer selbsterstellten Route für 10-14 Tage auf eine Hochroute durch oder besser: über, die Sierra Nevada wandern wollte. Interessanterweise war er nur mit Papierkarten und Kompass unterwegs.
- Open End / Weltwanderungen: Hier wird Wandern zum permanenten Lebensstil. Es gibt kein festes Rückkehrdatum. Die Reise endet, wenn die Neugier gestillt oder die Welt “zu Ende” ist. Da fallen mir doch direkt drei tolle Persönlichkeiten ein: Katharina Kneip, die auch in der aktuellen Wanderwach & Kaffee-Episode über ihre seit drei Jahren andauernde Weltumwanderung erzählt. Könnt ihr euch noch an Thair/Ali erinnern, der vom Nordkap zum Kap der Guten Hoffnung geht? … und vielleicht habt ihr auch schon einmal von Heike aka Pushbikegirl gehört? Nach vielen Jahren auf dem Rad um die Welt, ist sie mit Hund Butch jetzt zu Fuß unterwegs – open end!
Wie gesagt, es gibt weder die eine richtige Form des weiten Wanderns noch irgendwelche falschen Formen. Es gibt unterschiedliche Art und Weisen, sich auf den Weg zu machen – für ein paar Tage oder gar mit offenen Ende oder gar offenem Ziel. Die Herangehensweisen ändern sich: für Fernwanderungen muss ein anderes Mindset her als für Mehrtagestouren, da man für deutlich länger als ein paar Tage motiviert sein und bleiben sollte und auch metaphorische Täler durchlaufen wird. Auf einer Tour, die man von Unterkunft zu Unterkunft bestreitet, muss die Logistik anders geplant werden als auf einem Weg, auf dem man mit Zelt unterwegs ist und man vielleicht sogar wie etwa in Skandinavien relativ frei zelten kann. Wandert man in relativ dicht besiedelten Gebiet muss man weniger Proviant planen als in abgelegenen Wildnisgebieten, wo man nur alle 5-8 Tage durch einen Ort kommt, in dem man Verpflegung nachkaufen kann.
Und zum Schluss doch noch ein Zusatz, der eventuell wie Gatekeeping klingen könnte, aber eine sehr persönliche Erfahrung darstellt: Auch wenn Wege wie der West Highland Way, der Lechweg oder der Malerweg im Allgemeinen unter ‚Weitwandern‘ laufen, haben sie für mich persönlich noch nicht die mentale Tiefe erreicht, die ich mit dem Weitwandern verbinde.
Das hat nichts mit der Schönheit der Strecke zu tun, sondern mit einem inneren Prozess. Bei mir ‚passiert‘ psychologisch oft wenig auf Wegen, die man in ein bis zwei Wochen gehen kann. Der echte Wandel beginnt erst dann, wenn sich das anfängliche Glücksgefühl abnutzt und die Euphorie dem Alltag weicht. Wenn man auch mal schlechte Tage erlebt – vom Wetter, der Motivation oder der Stimmung her – und trotzdem weiterläuft, obwohl man weiß, dass man nicht morgen, sondern erst in 150 Kilometern am Ziel ankommt.
Noch einmal: Es geht mir persönlich um meine eigene psychologische Definition, um einen mentalen Umschaltpunkt. Für meine Seele ist es erst dann Weitwandern, wenn der Alltag verblasst und das passiert mir meist erst nach 2-3 Wochen. Ich habe meine Perspektive ausgeweitet und gepusht, das mag aber für andere Wandernde ganz anders aussehen. Letztendlich geht es darum, wandernd unterwegs zu sein und dann ist es doch eigentlich auch egal, wie man es benennt.
Wie sehr ihr das?