Der schöne Ausflug nach Waiheke zusammen mit meiner Bekannten hat mich dazu inspiriert, etwas länger darüber nachzudenken, ob man besser allein oder zu zweit weitwandert. Obwohl ich sehr gern allein unterwegs bin und auch viel Zeit für mich benötige, habe ich den Tag zusammen mit einer anderen Person sehr genossen. Für viele Personen, die ihre erste Mehrtages- oder gar Weitwanderung planen, ist genau das ein großes Thema: Kann ich bzw. will ich überhaupt allein losziehen? Eine häufig in Foren oder Onlinegruppen gestellte Frage ist die nach anderen Menschen, die einen Trail zur gleichen Zeit beginnen und ob man sich nicht zusammenfinden könnte. Klar, nicht allein wandern hat seine Vor- aber auch Nachteile.
Welche Vorteile hat es, mit anderen zu wandern?
Der wohl am häufigsten genannte Aspekt, warum man mit anderen wandern möchte, ist, dass man Herausforderungen nicht allein angehen muss und die schönen Momente mit jemanden teilen kann. Ich finde, insbesondere letzteres ist immer so schnell dahingesagt, beinah wie eine Floskel, aber was bedeutet es eigentlich, bzw. was bedeutet es uns, wenn wir schöne Momente mit anderen teilen? Ich denke, etwas Schönes zu teilen, hat vor allem einen sozialen Aspekt: Man kreiert gemeinsame Erinnerungen, auf die man sich gemeinsam beziehen kann und das validiert unsere Erfahrungen in einer gemeinsamen Welt. So ein bisschen wie der soziale Kitt zwischen zwei Personen. Wir sind soziale Wesen, egal ob wir eher introvertiert oder extrovertiert gestrickt sind. Vielleicht macht das gemeinsame Erleben den Sonnenuntergang sogar schöner, weil man sich im Glück der gemeinsamen Wahrnehmung eines Naturereignisses gegenseitig bestätigt. Aber macht es einen Sonnenuntergang weniger schön, wenn man ihn allein genießt? Mitnichten! Es braucht aber vielleicht ein bisschen Übung, nicht dem Drang nachzugeben, zum Handy zu greifen, ein Foto zu machen und es in die Welt zu schicken, um sich so in einer solchen Situation Bestätigung zu holen und nicht allein zu fühlen.
Genau – allein fühlen! Noch so ein Grund, warum viele nicht allein wandern wollen: die Angst vor dem Allein-Sein. Darüber zu schreiben fällt mir in der Tat am schwersten, denn ich kenne dieses Gefühl nicht. Ich mag es sehr, mit mir allein zu sein, kann gleichzeitig aber sehr gut nachvollziehen, dass es nicht allen Menschen so geht. Die Vorstellung, tagelang allein mit sich und seinen Gedanken zu sein, ohne Ablenkung oder Hintergrundrauschen, löst bei manchen Beklemmungen und ja, eben Ängste aus. Im Alltag ist immer irgendwas los – Alltagspflichten, Termine, Smalltalk mit anderen, zur Not ‘nen bisschen auf dem Handy rumscrollen oder eine neue Serie gucken. Beim Wandern ist das aber weg, erst recht, wenn man in einem Gebiet ohne Netzabdeckung unterwegs ist. Dann kommen die Stille, die Gedanken, die Isolation. Für manche ist das unangenehm.
Aber genau das ist – zumindest für mich – die Quintessenz des weiten Wanderns, Ich habe endlich mal wieder Zeit, mit mir allein zu sein und entweder eine neue Verbindung zu mir aufzubauen oder diese zu pflegen. Ohne Ablenkung! Ohne andere Menschen einbeziehen und ohne mich absprechen zu müssen. Kompromisslose Quality-Time mit mir selbst. Allein sein, aber nicht einsam sein, denn man hat ja den Menschen ganz nah dabei, den man am meisten lieben sollte – sich selbst.
Aber gerade, wenn man noch nicht viel Erfahrung mit dem Weitwandern hat, kann es unglaublich entlastend sein, mit einer anderen Person zusammen loszuziehen. Abgesehen davon, dass man Ausrüstungsgegenstände gemeinsam benutzen kann (Rucksack ist dann etwas leichter!), teilt man in gewisser Weise auch die mentale Lastder Verantwortung. Das permanente Planen, Navigieren und Entscheiden müssen macht müde. … und natürlich ist es erstmal angenehmer, nicht allein irgendwo im Zelt liegen zu müssen, denn … ja, all die Geräusche! Und die Szenarien im Kopf, was alles passieren könnte! Und wenn dann doch mal was passiert und man Hilfe braucht, ist man nicht allein und hat nicht nur ganz praktisch Hilfe, sondern auch mentalen Beistand. Spoiler: Wie oft das es vor, dass man wirklich Hilfe braucht? 😉
Warum man wirklich allein losziehen sollte ….
Ha, ihr könnt es euch wahrscheinlich schon denken! Ich bin eine absolute Verfechterin des Alleinwanderns! Gemäß dem Motto “Hike your own hike” kann ich ganz allein entscheiden, wann ich losgehe, wie schnell oder wie weit ich gehe, wann ich Pause mache, wann ich einen Zero einlege. Ich muss mich mit niemanden absprechen oder abstimmen – was bedeutet, dass ich keine Kompromisse eingehen muss.
Dadurch wird jede durchlebte Herausforderung plötzlich zum Erfolgserlebnis! Probleme muss ich allein lösen, Entscheidungen treffen und mit den Konsequenzen leben, durch metaphorische tiefe Täler (Stichwort: Motivation!) muss ich ganz allein gehen. All das führt zu einem gestärktem Selbstbewusstsein und einer vielleicht vorher nicht gekannten Resilienz.
Man ist zwar auf sich allein gestellt, aber man lernt plötzlich, was man alles kann, wächst bestenfalls über sich hinaus und nimmt diese Resilienzerfahrung und das Gefühl, sich zu 100% auf sich und seine Entscheidungen verlassen zu können, mit in den Alltag, der neben dem weiten Wandern existiert.
Interessanterweise ist es sehr viel einfacher, mit anderen Wandernden in Kontakt zu kommen, wenn man allein unterwegs ist. Wer allein unterwegs ist, ist sehr viel nahbarer und man kommt viel schneller ins Gespräch, weil man eben nicht als in sich geschlossene Gruppe auftritt. Gerade auch wenn man als Paar unterwegs ist, wird man von außen als solches wahrgenommen. Auch wenn ich wahnsinnig gern allein wandere, verbringe ich viel Zeit auf Trails mit meinem Partner. Jedoch immer dann, wenn ich gemeinsam mit ihm auf langen Wegen unterwegs bin, kommen wir am besten mit anderen Paaren ins Gespräch, weil es einfach mehr Schnittmenge und gemeinsamen Erfahrungshorizont gibt. Trotzdem denke ich, bin ich immer sehr viel offener anderen Wandenden gegenüber, wenn ich allein unterwegs bin. Jede soziale Batterie möchte irgendwann wieder mit Gesprächen und Kontakten aufgeladen werden.
Neben all den genannten Aspekten führt jedoch das Alleinwandern auch dazu, dass man seine Umgebung sehr viel intensiver wahrnimmt, wenn man nicht durch Gespräche und eine weitere Person abgelenkt wird. Kann man überhaupt abschalten, wenn eine weitere Person dabei ist? Apropos, wie ist das überhaupt mit
… Trail Families oder ‘Tramilys’?
Das ist eine Gruppe von Fernwanderern, die sich auf gemeinsamen Wegen kennenlernen, Freundschaften schließen und über eine längere Zeit gemeinsam unterwegs sind. Diese Zusammenschlüsse passieren auf großen Trails, auf denen auch andere Wandernde unterwegs sind, ganz automatisch und organisch. Normalerweise plant man das nicht, sondern irgendwann finden sich immer wieder die gleichen Menschen abends auf guten Zeltplätzen zusammen, weil man die gleiche Wandergeschwindigkeit hat. Wenn man sich dann auch noch gut versteht, ist man irgendwann so unterwegs, dass man sich im Laufe des Tages wiedertrifft und vielleicht sogar gemeinsam einen Zero plant. Seitdem auch die Community auf YouTube immer weiter wächst und ein Video von Elina Osborne übers Soziale auf dem Pacific Crest Trail wie eine Bombe eingeschlagen hat und sich nachhaltig auf die Motivation, einen Trail zu gehen, auswirkt, sind die Erwartungen an die persönlichen Begegnungen auf manchen langen Trails ins Unermessliche gestiegen. Was ist, wenn man irgendwann doch nicht mehr mit der Tramily auskommt oder man für sich entdeckt, dass die Gruppendynamik nicht passt? Zwei Optionen: Ehrlich kommunizieren oder einen zusätzlichen Ruhetag einlegen, so dass sich die Wege nicht mehr kreuzen. Erstere Option ist die eindeutig zu bevorzugende – ehrlich kommunizieren gehört schließlich zum persönlichen Entwickeln auf langen Wegen.
Sicher, man kann Freundschaften fürs Leben schließen oder gar seine:n zukünftige:n Partner:in kennenlernen, aber das eigentliche tiefe und potentiell lebensverändernde Weitwandererlebnis hat man meiner Ansicht nach nur, wenn man zumindest einige Zeit auch komplett allein ist. Das kann beängstigend sein, aber lohnt sich sehr. Wann hat man schließlich schon mal soviel Zeit und Gelegenheit, nur mit sich allein zu sein und alle Gedanken schweifen zu lassen, sich zu erfahren, zu reflektieren und Raum haben, kreativ zu werden?
2 Comments
Das, was du im Zusammenhang mit gemeinsam versus alleine unterwegs sein beim Weitwandern schreibst, lässt sich 1:1 auch auf jede andere Art des Reisens übertragen. Auf meinen Städte- und Zugreisen komme ich auch viel leichter mit anderen ins Gespräch, wenn ich alleine unterwegs bin. Ich nehme auch alles viel intensiver wahr, weil mich nichts und niemand ablenkt. Und genauso wie du kenne ich das Gefühl nicht, unbedingt jemanden dabei haben zu müssen. Ich bin mir selbst die beste Gesellschaft 😎.
Das stimmt, liebe Elke! So gerne ich mit anderen zusammen unterwegs bin – ob beim Wandern oder auch beim Reisen (ja, du hast natürlich total recht!!!) – allein ist’s doch immer auch etwas Besonderes. P.S. … und insgeheim bin ich beinah froh, dass mein Partner nicht gern auf den episch langen Zugstrecken unterwegs ist.