24-Stunden-Challenge, innerhalb von 14 Tagen auf dem Pacific Crest Trail durch Oregon, den Nord Süd Trail in unter 100 Tagen wandern … Rucksackgewicht um die 3 kg, jeden Tag ‘nen Marathon. Dazu jede Menge FKTs (=Fastest Known Times), die einen nur noch sprachlos zurücklassen. 

Ich nehme mich nicht aus – ich habe es im Podcast mehrfach erwähnt, dass auch ich gern sportlich auf Wanderwegen unterwegs bin. Ich mache gern mal viele Kilometer, lange Stunden, von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. Insbesondere auf dem Pacific Crest Trail habe ich mich in einen Rausch hineingelaufen und bin die 300 Meilen durch die Sierra Nevada innerhalb von 10 Tagen gegangen ohne den Trail zu verlassen, um Proviant nachzukaufen. Ja, mindestens 30 Meilen jeden Tag durchs Hochgebirge: 4 Uhr am Morgen aufstehen, Frühstück im Gehen noch vor Sonnenaufgang, dann orangefarbene Streifen am Horizont, kurz stehenbleiben, staunen, dann immer weiter, zwei Gebirgspässe am Tag, wenige Pausen, immer weiter, in den Sonnenuntergang, schmerzende Füße, Tränen, weil man nicht mehr kann. Trotzdem immer weiter, irgendwann in der Dunkelheit Cowboy-Camping, eigentlich zu müde zum Abendessen kochen – dann Nudeln eben halb crispy, beim Kauen einschlafen. 4 Uhr klingelt das Handy wieder: It’s 4 o’clock, Good Morning Sunshine! 

Warum ich das so gemacht habe? Selbst jetzt beim Schreiben, fast 9 Jahre später, spüre ich den Rausch, die Energie, das Adrenalin – ich lächle in mich hinein, bewundere mein altes Ich und denke wehmütig an die großartigen Momente auf dem Trail zurück. Wir waren Wandermaschinen und es war toll! Nichts hat uns gesorgt; das, was viele, die nie ge-thruhiked sind, als das normale Leben bezeichnen, war weit weg. Unsere Aufgabe war einen Fuß vor den anderen zu setzen und innerhalb eines bestimmten Zeitfensters, das vor allem entweder von Jahreszeiten und durch zeitlich begrenzte Visa oder das Ende eines Sabbaticals bestimmt wurde, das Ziel, nämlich das Ende des Trails, zu erreichen. 

…. und jetzt sitze ich auf der Couch, viele Jahre später, mit vielen weiteren Kilometern auf unterschiedlichsten Trails weltweit in den Beinen, und ich frage mich: Hab’ ich damals das Wandern als Leistungssport gesehen? Wird es von vielen als Leistungssport betrachtet? … oder zumindest als etwas, was immer weiter optimiert werden kann und gibt es so etwas, wie eine “richtige Art des weiten Wanderns”? 

Einige Gäste meines Podcasts sagen mir immer wieder, dass sie vor ihrer ersten weiten Wanderung immer dachten, dass es eine bestimmte Art des weiten Wanderns gebe, nämlich schnell und weit mit vielen Kilometern am Tag und mit voller Verausgabung. Wer weit wandert, muss liefern. Oder nicht?

Woher kommt eigentlich der Gedanke, dass man liefern müsse, das es nur die eine Art des weiten Wanderns gäbe? 

Ich glaube, es gibt verschiedene Gründe dafür. Einerseits ist da natürlich die Faszination, seine eigenen Grenzen auszutesten. Täglich auf einem langen Trail unterwegs zu sein, viele Kilometer, tagein, tagaus, irgendwann spielt der Körper mit und man ist fit, so dass eine gewisse Routine eintritt, die man durch Zwischenziele aufzubrechen versucht: wie weit kann ich in 24 Stunden wandern? Schaffe ich einen Marathon (= knapp 42 km) für drei Tage am Stück? 

Neulich hat mir ein Gespräch mit einem Gast zu denken gegeben: Tom, der Herz & Seele des Mammutevents “Kölnpfad” ist, sagte, dass man das alles doch nicht nur für sich macht, sondern auch für die Aufmerksamkeit und die Anerkennung, die man dafür von anderen bekommt. Ist da etwas dran? Insbesondere Social Media braucht Zahlen: ein schönes Panorama lässt sich schwerer messen als ein 40-Kilometer-Tag. Sonnenuntergänge sieht man viele, aber interessanterweise bekommen besonders geschunden aussehende Füße die meiste Interaktion. Und wenns nicht die Kilometer sind, dann das Ausrüstungsgewicht, die Tage auf dem Trail und die Höhenmeter pro Tag. Höher, schneller, weiter? Yep, wer in den sozialen Netzwerken nicht untergehen will, muss anders sein, herausragen … und damit höher, schneller, weiter sein? Vielleicht nicht unbedingt das. Aber ich denke oft, wenn ich wieder einmal durch meine Timeline auf Instagram scrolle, die zugegebenermaßen sehr wanderlastig ist, wie leichtfüßig, fröhlich und mühelos das oft aussieht. Selbst harte Tage im neuseeländischen Schlamm werden als “Achievement” dargestellt – wow, schaut her, wie tief ich im Schlamm gesteckt habe. 

Wenn man schon den gleichen Weg geht, möchte man sich immerhin mit den anderen vergleichen und vielleicht sogar das bessere Erlebnis gehabt haben wollen? 

Aber welches Bild wird damit für Personen generiert, die noch nicht weit wandern waren, es aber planen? Werden damit nicht Erwartungen generiert, die man meint, erfüllen zu müssen? Die anderen wandern schließlich so und die haben doch Spaß, oder? 

Nein, “Hike your own hike”! Das bedeutet, dass man seine Wanderung so angehen sollte, wie es für einen und seine sehr persönlichen Umstände am besten ist: Unabhängig davon, was andere meinen, wie man wandert, frei von Erwartungen und Vergleichen, mit eigenen Zielen und auch der Eigenverantwortung für sein Handeln. 

Und mein Sierra-Nevada-Rausch? Ich glaube, das war meine “Werdung”. Das war mein Wandel von der Wanderin zur Weitwanderin. Ich habe meine Grenze verschoben, ich habe auf die andere Seite meiner vorherigen Grenze geschaut, ich habe Leistungen erbracht, von denen ich nie zu träumen gewagt habe.

Nicht, dass es jemals mein Ziel war. Aber für mich war nicht nur der PCT eine Zäsur, für mich war der Ritt über die Sierra Nevada eine Zäsur in ein Davor und in ein Danach. Ich sage nicht, dass man so wandern soll, aber für mich war es eine interessante Erfahrung, die mich verändert hat, mich mit Menschen zusammengeschweißt hat und die meinen Blick auf Vieles, auch abseits des Wanderns, so verändert hat, wie ich mir das nie vorstellen konnte. Danach war vieles leichter. Trotzdem war das alles nur eine Phase und ich bin danach auch nie wieder in einem solchen Rausch durch die Landschaft gerannt. Ganz im Gegenteil: Als ich 2021 auf dem Tahoe Rim Trail wieder durch die Gegend gekommen bin, in der ich meine längsten Strecken überhaupt gewandert bin, kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wow, was für eine tolle Landschaft! … und mir fiel auf, dass ich diese beim ersten Mal überhaupt nicht wahrgenommen habe. Entweder, weil es schon oder noch dunkel war und weil ich viel zu sehr mit mir in meinen Grenzenverschieben beschäftigt war. Ich war damals im Tunnel und war gar nicht mehr in der Lage, das Panorama um mich herum aufzunehmen. 

Wer kennt sie nicht, diejenigen, die bestimmten Challenges auf dem Trail hinterherjagen? Ich habe diejenigen auch oft wiedergetroffen, nämlich in einem Hostel, wo sie Schienbeinkantensyndrom, Blasen, Kniebeschwerden … younameit … auskurieren mussten. Das Risiko ist, dass der Körper dem Tempo nicht hinterherkommt und sich dann mit Schmerzen bemerkbar macht. Und auch wenn das Wandern eine wunderbar langsame Aktivität ist, bei der der Kopf normalerweise ganz gut mitkommt, irgendwann ist auch der Geist erschöpft und der Trail und die Kilometer werden zur To-Do-Liste. 

Versteht mich nicht falsch, ich unterstütze weder eine “Höher, Schneller, Weiter”-Mentalität auf dem Trail noch spreche ich mich explizit dagegen aus. Ich denke, es ist grundsätzlich wichtig, sich von Erwartungen frei zu machen – denen von außen und auch sich selbst nicht unterDruck zu setzen damit, wie andere unterwegs sind. Gehe einen langen Trail langsam an, gewöhne Körper und Geist an das Gehen und entwickle deinen Weg für dich – ganz ohne dich zu vergleichen. 

Es ist okay sich zu fordern und seine eigenen Grenzen zu verschieben, aber es ist gesund, die Frage mitschwingen zu lassen, warum man das gerade macht und diese sich dann auch ehrlich zu beantworten. In diesem Sinne – Hike you own hike und hab Spaß dabei! 🙂


Author

Exploring the world and myself by two feet.

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